Rashwan Selahwah

Rashwan Selahwah spielte Fußball. Nicht überragend, aber besser als der Durchschnitt. Immerhin so gut, dass er es wagen konnte, im Profifußball sein Auskommen zu suchen. Am Tag seines 18.Geburtstages trat er in die Dienste eines Zweitligavereins. Unter großer Anteilnahme der örtlichen und überörtlichen Medien wurde er als hoffnungsvolles Talent gepriesen, von dem in der Zukunft noch mancherlei zu hören sein werde. Und in der Tat, es dauerte nicht lange, da erhielt er einen Anruf von einem Scout des Verbandes. Er möge sich zu einem Sichtungslehrgang der sogenannten Nationalmannschaft einfinden. Er fand sich ein und spielte Fußball. Vor den Augen der Scouts, der Nachwuchstrainer, der Krafttrainer, des Teammanagers, der Masseure, der medizinischen Abteilung, des Verbandspräsidenten Friedewald Biegeleicht und des Vorsitzenden des Zentralen Rates, Isidor Mundgeruch. Er spielte nicht überragend, aber das war unerheblich. Im Fußball geht es nicht darum, dass das Runde ins Eckige kommt. Fußball hat eine gesamtgesellschaftliche Funktion. Die Völker der Welt sollen sich bei uns angekommen fühlen, sollen erleben, nicht nur in hohen Phrasen hören, dass sie hier willkommen sind. Interkulturelle Ausstrahlungskraft, Weltoffenheit, gelebte Vielfalt ist die vornehme Botschaft, die der Fußball verkünden soll. So kam man überein, Rashwan Selahwah als Deutschen anzusehen und ihn dieserhalb mit dem Ausweis der bunten Republik auszustatten. Unter großer Anteilnahme der örtlichen und überörtlichen Medien wurde er als Hoffnungsträger der Kampagne „Du bist Deutschland“ gepriesen, von dem man noch viel hören werde. Der Präsident Friedewald Biegeleicht und der Vorsitzende Isidor Mundgeruch hielten gemeinsam einen erhobenen Daumen in die Kamera, und Rashwan Selahwah zeigte verschämt die Plastikkarte mit dem Bundesadler.

Von da an spielte er Fußball – für die bunte Republik. Er brachte mit seiner dunklen Hautfarbe den so lang ersehnten Farbtupfer in die graue Langeweile der weißen Trikots – und Feuchtigkeit auf die Stirnen der weiblichen Moderatorinnen. Aber weil es im Fußball manchmal doch darum geht, das Runde ins Eckige zu bringen, spielte er zunächst nicht in der A-Nationalmannschaft, sondern in der U 21. Doch die U 21 ist nicht geeignet, um die große Botschaft des Fußballes auf die Schirme der Welt zu zaubern. Die Botschaft der interkulturellen Kompetenz, des Wagemutes gegen Rassismus, Sexismus, gegen Diskriminierung und Ausgrenzung verbreitet – und vermarktet – sich schlecht mit einer Mannschaft aus der zweiten oder gar dritten Wahrnehmungsreihe

Also spielte Rashwan Selahwah von nun an doch für die A-Mannschaft. Nicht überragend, aber um des höheren Zweckes der gesamtgesellschaftlichen Aufgabe des Fußballes willen. Dafür war es hinzunehmen, dass das Runde nicht immer ins Eckige flog. Rashwan Selahwah selbst war es zufrieden. Er war vor Jahren in ein fremdes Land gekommen. Man hatte ihm gesagt, für ihn als Fremden würden dort Milch und Honig fließen und siehe, es stimmte. Man hatte gesagt, „Dich als Fremden werden sie mögen“, und siehe, es stimmte. Er wusste nichts von diesem Land, aber da alles stimmte, was man ihm bisher darüber erzählt hatte, glaubte er auch, was er nun an Neuem hörte. So schwärmte der Präsident Friedewald Biegeleicht von Demokratie, Freiheit und Marktwirtschaft, und siehe es stimmte. Der silberne Mercedes vor der Garage seiner Villa bewiesen es Rashwan Selahwah. Und so spielte er manches Spiel für die Mannschaft mit dem Adler, bereicherte deren kulturelle Vielfalt und schwieg bei der Nationalhymne. Es nahte das siebte Spiel, ein schicksalschweres Spiel. Ein Spiel gegen Israel. Ein Spiel, bei dem es um mehr ging als bei allen anderen Spielen ging (abgesehen davon, ob das Runde ins Eckige ging. Ehrlich gesagt ging es bei diesem Spiel überhaupt nicht darum, ob das Runde ins Eckige ging; eher schon darum, ob die Spieler ins Mahnmal gingen, aber darüber wollen wir an dieser Stelle schweigen). Doch da mochte Rashwan Selahwah nicht mittun. Denn er konnte es nicht leiden, das Land Israel und er wollte nicht ins Mahnmal gehen. Denn ihm ging es darum, das Runde ins Eckige zu bringen, und dass sein Mercedes weiterhin vor der Tür seiner Villa stünde. Und da er wusste, dass Deutschland ein freies Land ist, scheute er sich nicht, seine Gefühle ehrlich und demokratisch zu bekunden. Aus politischen Gründen könne er diesem Land seine Aufwartung nicht machen, in seinen Adern fließe persisches Blut, darauf sei er stolz, feindlichen Boden dürfe er nicht betreten. Blut. Bei diesem Wort sahen sie rot. Oh, Rashwan Selahwah, hättest wissen sollen, dass es einen dialektischen Widerspruch zum Begriff Freiheit bedeutet, gegen einen freien Staat das Wort zu erheben, den einzig freien in seiner feindlichen Umgebung noch dazu; hättest erkennen sollen, dass es in einem freien Land weder Volk noch Stolz, noch Blut geben kann, wenn dort schon interkulturelle Toleranz und Weltoffenheit herrschen. Und so erfüllte sich die Prophezeiung, die da gelautet hatte, dass man viel von Rashwan Selahwah hören werde.

Doch zunächst wagte niemand etwas zu unternehmen. Insbesondere Verbandspräsident Friedewald Biegeleicht steckte in einer Zwickmühle, zwischen deren Flügeln der Ausländerfeindlichkeit und des Antisemitismus er zu zermahlen werden drohte. Er konnte sich zu keiner Tat durchringen. Die Entscheidung musste von oben kommen. So griff

schließlich der Vorsitzende des Zentralen Rates, Isidor Mundgeruch, zum Hörer. Nacheinander wählte er die Nummern der Bild-Zeitung, des Bundeskanzlers und des Verbandspräsidenten. Überall stieß er auf offene Ohren, nur nicht beim Präsidenten. Denn dort war besetzt. Dort war lange besetzt. Fünf Minuten, zehn Minuten. Der Vorsitzende schäumte. Endlich, nach einer Viertelstunde, kam er durch. Wutentbrannt verlangte er eine Entschuldigung für die Wartezeit. Der Präsident bat um Vergebung. Er erläuterte, dass er eine Aktionswoche gegen Ausländerfeindlichkeit in der Bundesliga organisieren müsse, nachdem sich die Jugendspieler von Türkyemspor am vergangenen Wochenende einem diskriminierenden Elfmeter ausgesetzt sahen, den ein deutscher Schiedsrichter unrechtmäßig gegen sie gegeben hätte. Wie konnte er auch, die dumme Kartoffel. Man pfeift gegen die wackeren Spieler von Türkyemspor keine unberechtigten, also keine Elfmeter. Die durch die Fehlentscheidung provozierten Notwehrmaßnahmen gegen die drei deutschen Schüler, die bei dem Spiel auf dem Felde standen, hätten überdies zu einigen bürokratischen Nachwehen geführt, es hätte eine Zeit gedauert, bis er die Namen der Krankenhäuser herausgefunden habe, in denen sie lägen. Außerdem musste für den Rest der Saison ein neuer Schiedsrichter gefunden werden. Im Moment sei er dabei gewesen, mit dem örtlichen Imam die Wiedergutmachungszahlungen für Türkyempsor auszuhandeln. Zum Glück sei der Imam ein gütiger Mann, der Gnade vor Recht ergehen ließe. Selbst er musste allerdings darauf bestehen, dass die Übergabe des nurmehr als symbolisch anzusehenden Betrages in einer Feierstunde zu geschehen habe. Sie würde zu Beginn des nächsten Spieltages stattfinden. Diese Erklärung ließ der Vorsitzende gelten. Sodann kam man zum Eigentlichen.

Kurze Zeit später wurde in der Verbandszentrale unter großer Anteilnahme der örtlichen und überörtlichen Medien eine Pressekonferenz abgehalten. Der Vorsitzende des Zentralen Rates, Isidor Mundgeruch, verströmte sich selbst; und der Verbandspräsident verströmte Achselschweiß. Mit zitternder Stimme pries er die gesamtgesellschaftlichen Aufgaben des Fußballs, den Kampf gegen Ausländerfeindlichkeit im Jugendbereich, den er selbst, Friedewald Biegeleicht, sich ganz besonders auf seine Fahne geschrieben habe, die Toleranz, die nicht hoch genug angesetzt werden könne bezüglich aller Lebensentwürfe. Leider müsse er auf einen Fall zu sprechen kommen, der all diesen Prinzipien Hohn spreche. Man habe einiges unerhörte gehört von Rashwan Selahwah. Aber, so verkündete er mit dem Stolz, den die Demokratie erlaubt: dieser Mann werde künftig keinen Fußball mehr spielen. Seit dem hat man nichts mehr von ihm gehört, von

Rashwan Selahwah; und wenn er nicht gestorben ist, so hört man trotzdem nichts von ihm.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.