Verlornes Volk

Gleich Lurchen auf der Erde kriechend

Geschlagner Heere Reste Schaar

Der nie ein Tag das Licht gebar

Verdorrte Spur im Sande siechend

 

Verstumpfte Sinne kauernd kauen

Der Troß verlornen Fußes hinkt

Wo keiner je vom Nektar trinkt

Zerflossne Augen flackernd schauen

 

Ermessend nicht des Lebens Höhe

Bemüht manch blinkenreich Ersatz

Doch nie im Äther fand den Platz

Gebeugt von schwärzlich müder Böe

 

Vermattet zuckre Münder saugen

Kopienschein wirft Fahlgesicht

In blassem Trug verschlucktes Nicht

Die Kehlen heisrem Röcheln taugen

 

Aus Sein und Zeit sich selbst verstoßen

Erklomm vereisten Sitz als Halt

Und gurgelnd in den Schmutz verkrallt

Gewollter Haß verzagt am Großen

 

Des Kreises Bahnen flieht die Sonne

Des Satans Auge will vergehn

Der Wind erbarmt sich zum Vewehn

Beim Abendgang der Todkolonne.

Fraß

Gefangen ganz im Zeitenschlang

Kalter Stahl des Marktes Flüstern

Verlorne Orte wunden bang

Fahle Krähen warten lüstern

 

Vergangen Glut des Bundes Kreis

Greife in Ruinen wohnen

Vergossnes Blut zertrocknet leis

Käfer in den Hallen thronen

 

Verloschen aus des Frühlings Hirn

Ankerbruch zeugt blindes Flehen

Der Staub verliert sich im Gestirn

Schwarze Flammen zehrend stehen

 

Geschichte aus dem Raume fiel

Wo die Ökonomen bleiben

Im Neonlicht verwaistes Ziel

Fliegen aus den Nestern treiben.

Der 27. Januar

Fünf nach Neun. Felix war spät dran heute. Das konnte Ärger geben. Ausgerechnet am 27. Januar kam er zu spät zur Schule. Schon im vorigen Jahr hatte er sich einen Tadel eingefangen, als er im Religionsunterricht auf die Frage nach der eschatologischen Bedeutung dieses Tages vorlaut genug war, „Kaisers Geburtstag“ in die Klasse zu rufen. Der Skandal, der hiermit seinen Ausgang nahm, war ohne Beispiel in der 81jährigen Geschichte des Geschwister Scholl Gymnasiums, das einstmals Langemarckschule geheißen hatte. In Windeseile verbreitete sich die Nachricht von Felix ́ Freveltat, der sich über den Tag der Befreiung von Oswiciem, in der Sprache der Täter Auschwitz genannt, lustig gemacht hatte. Der Schulleiter reagierte umgehend und berief noch für den gleichen Tag die Schulkonferenz ein. Sie erteilte Felix eine schwere Mißbilligung, schloß ihn für die Zukunft von allen Klassenfahrten aus und verpflichtete ihn zu einer fünfzehnseitigen Ausarbeitung über die Benachteiligung weiblicher MigrantInnen beim Schulsport. Einem Schulverweis entging Felix nur durch die wohlwollende Fürsprache des Pfarrers. „Im Konfirmandenunterricht war der noch nicht so. Eigentlich war er ein anständiges Kind. Er muß in die falschen Kreise geraten sein. Als Christ bitte ich für ihn um Vergebung.“ Am Abend wurden die Eltern einbestellt. Der Direktor beschwor sie mit eindringlichen Worten, in Zukunft auf Felix ́ weltanschauliche Gefestigtheit mehr Obacht zu geben.

Damit hätte der Fall sein Bewenden haben können, wenn nicht die Zeitungen am nächsten Tag gemeldet hätten, an der Geschwister Scholl Schule würde der Holocaust geleugnet. Nun nahm er politische Dimensionen an. Der Bundestagsabgeordnete des Wahlkreises unterbrach die Sitzung des Haushaltsausschusses und reiste umgehend aus Berlin an. Gemeinsam mit dem Oberbürgermeister und dem Vertreter der jüdischen Gemeinde erkundigte er sich vor Ort über die Ausgestaltung der Vergangenheitsbewältigung. Nach einem mehrstündigen Gespräch mit

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April, April

„Hier ist das Erste Deutsche Fernsehen mit der Tagesschau. Guten Abend meine Damen und Herren.“ Wir befinden uns im Hause des Ehepaares S. Es war der erste April, ein Sonntag. Das war bedenklich, denn immer wenn der Monatserste ein Sonntag ist, gibt es einen Freitag, den Dreizehnten. Der Mann vor dem Fernseher spürte intuitiv, daß dieser sich heute ankündigen könnte; er war jedoch unsicher, ob er sich als Glückstag oder als Unglückstag präsentieren würde. Peter S. und seine Frau Monika kannten sich aus der Christlichen Jungschar. Sie hatten gemeinsam pubertiert, studiert, demonstriert und sich schließlich liiert. Das war lange her. Inzwischen waren sie seit etlichen Jahren verheiratet, wie viele Jahre es waren, wussten sie nicht mehr, hatten ein Reihenhaus mit Garten am Rande der Stadt Köln, das sie gemeinsam mit ihrer 13jährigen Tochter Sarah bewohnten. Das zweite Kind, der 19jährige Sohn Daniel ein Sorgenkind, lebte nicht mehr bei den Eltern. Der Sozialpädagoge Peter saß mit gekräuselter Stirn vor dem Fernseher. So saß er immer vor dem Fernseher, ja man kann sagen, daß die Sorgenfalten an seinem Kopf ein Dauerzustand waren. Die Haut, in die sie sich eingegraben hatten, war von einer graugelblichen Blässe, von der man sich nicht vorstellen konnte, daß sie je frisch ausgesehen hatte. Der Blick wirkte zerknirscht und betreten, fast böse, so wie man häufig gute Menschen an ihren bösen Gesichtern erkennt. Dieser Widerspruch besteht nur scheinbar. Denn die guten Menschen haben eine ausgeprägte Sensorik für das Böse in der Welt und davon gibt es reichlich: den Hunger in Afrika, die medizinische Unterversorgung in der Dritten Welt, die Ausbeutung in Südamerika, die Haltung der Legehennen, den Fluglärm, die Atomkraft, die soziale Ungerechtigkeit, die Fremdenfeindlichkeit, die Bundeswehr und die deutsche Geschichte. Das prägt Körper und Seele.

Die Nachrichten waren fast beendet, als Monika S, die Gattin von Peter das Haus betrat. „Hallöle Schatzi, wie geht es Dir Peterle?“ Monika war eine ergraute Anfangfünfzigerin, die die Wechseljahre abgeschlossen hatte. Sie kam von einer Fahrradtour, die sie gemeinsam mit den anderen Teilnehmerrinnen ihres wöchentlichen Aerobickurses gemacht hatte. Der Apriltag war frühsommerlich warm gewesen, so daß sie mit ihrem selbstgestrickten Pullover zu dick angezogen gewesen war. Sie konnte ihn nun erleichtert ablegen. „Hallo, Peterle“, wiederholte sie, „hascht schon gegessen?“ Wenn sie ins leichte Schwäbeln geriet, – Monika stammte aus Tübingen – war das ein Zeichen lockerer Entspanntheit. „Ja, Schatzi, ich komm gleich, laß mich gerade noch die Tagesschau zu Ende sehen.“ Soeben wurden die Ergebnisse der Fußballbundesliga bekannt gegeben. „Bayern München hat damit sieben Punkte

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Schwarze Kleidung – weiße Haut

Wir kennen es alle zur Genüge: den 20 jährigen Türken, der mit den quietschenden Reifen seines tiefergelegten 3er BMW in der zweiten Reihe parkt, Scheibe herunter- und Lautersprecher heraufgedreht, die Matronen, die sich, bis unter die Achseln verschleiert, durch unsere Städte schieben, den Albaner mit dem kreuzehrlichen Gesichtsausdruck, die außereuropäische Großfamilie, die beim ersten Sonnenstrahl mit ihren Horden in den Stadtpark einfällt, um dort auf dem stinkenden Grill ihr geschächtetes Fleisch zu garen. Wer verspürt angesichts dieser geballten Überfremdung nicht einmal den Wunsch einer Erholung, ja einer Kur in Sachen Volkstum? Die kann er am Pfingstwochenende in Leipzig finden. Dort versammeln sich jedes Jahr etwa 20000 sogenannte „Gothics“ zum Wave Gotik Treffen. Dieses etwas bizarr anmutende Festival der schwarzen Musik ist ein Kristallisationspunkt einer Subkultur, die bei näherer Betrachtung zahlreiche Elemente, die durchaus als Gegenkultur zum global amerikanisierten way of live angesehen werden können, enthält. Es bildet darüber hinaus die Gelegenheit, alte Freundschaften aufzufrischen und neue zu gründen.

Die Musik dieser Szene ist von einer schier unübersehbaren Bandbreite, angefangen von mittelalterlicher Instrumentalmusik bis zu hardcore- Elektronik. Die Melodien und selbst die härteren Rhythmen haben düstere, mystische Klänge, sind oft melancholisch beschattet. Über die Hälfte der Bands singt auf deutsch. Verschiedentlich hört man auch Lieder in lateinischer oder schwedischer Sprache, ein Teil ist englisch. Neben den üblichen Synthezisern und Elektronikinstrumenten werden alte Instrumente, wie Dudelsack, Querflöte und Geige eingesetzt. Sie spielen dann zu Punk und Metal auf. Die Mischung mittelalterlicher Melodien und moderner Klänge ergibt eine kaum zu beschreibende Symbiose, die eine gleichzeitig mitreißende und sehnende Stimmung erzeugt.

Die Texte handeln vielfach von tiefgründigen Themen, es werden Fragen vom Sinn und Unsinn des Lebens, von Bestand und Vergänglichkeit gestellt, der Existenz selbst nachgespürt, so etwa wenn die Gruppe subway to sally in dem Stück „Zu spät“ singt:

Nichts wiegt mehr viel in dieser Zeit der Narren und der Toren
nicht mehr als hätt ein müder Strauch ein Blatt verloren

die Blätter falln, wer heute schreit ist morgen schon gewesen
die Zeile, die mein Leben schreibt wird niemand lesen

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Rashwan Selahwah

Rashwan Selahwah spielte Fußball. Nicht überragend, aber besser als der Durchschnitt. Immerhin so gut, dass er es wagen konnte, im Profifußball sein Auskommen zu suchen. Am Tag seines 18.Geburtstages trat er in die Dienste eines Zweitligavereins. Unter großer Anteilnahme der örtlichen und überörtlichen Medien wurde er als hoffnungsvolles Talent gepriesen, von dem in der Zukunft noch mancherlei zu hören sein werde. Und in der Tat, es dauerte nicht lange, da erhielt er einen Anruf von einem Scout des Verbandes. Er möge sich zu einem Sichtungslehrgang der sogenannten Nationalmannschaft einfinden. Er fand sich ein und spielte Fußball. Vor den Augen der Scouts, der Nachwuchstrainer, der Krafttrainer, des Teammanagers, der Masseure, der medizinischen Abteilung, des Verbandspräsidenten Friedewald Biegeleicht und des Vorsitzenden des Zentralen Rates, Isidor Mundgeruch. Er spielte nicht überragend, aber das war unerheblich. Im Fußball geht es nicht darum, dass das Runde ins Eckige kommt. Fußball hat eine gesamtgesellschaftliche Funktion. Die Völker der Welt sollen sich bei uns angekommen fühlen, sollen erleben, nicht nur in hohen Phrasen hören, dass sie hier willkommen sind. Interkulturelle Ausstrahlungskraft, Weltoffenheit, gelebte Vielfalt ist die vornehme Botschaft, die der Fußball verkünden soll. So kam man überein, Rashwan Selahwah als Deutschen anzusehen und ihn dieserhalb mit dem Ausweis der bunten Republik auszustatten. Unter großer Anteilnahme der örtlichen und überörtlichen Medien wurde er als Hoffnungsträger der Kampagne „Du bist Deutschland“ gepriesen, von dem man noch viel hören werde. Der Präsident Friedewald Biegeleicht und der Vorsitzende Isidor Mundgeruch hielten gemeinsam einen erhobenen Daumen in die Kamera, und Rashwan Selahwah zeigte verschämt die Plastikkarte mit dem Bundesadler.

Von da an spielte er Fußball – für die bunte Republik. Er brachte mit seiner dunklen Hautfarbe den so lang ersehnten Farbtupfer in die graue Langeweile der weißen Trikots – und Feuchtigkeit auf die Stirnen der weiblichen Moderatorinnen. Aber weil es im Fußball manchmal doch darum geht, das Runde ins Eckige zu bringen, spielte er zunächst nicht in der A-Nationalmannschaft, sondern in der U 21. Doch die U 21 ist nicht geeignet, um die große Botschaft des Fußballes auf die Schirme der Welt zu zaubern. Die Botschaft der interkulturellen Kompetenz, des Wagemutes gegen Rassismus, Sexismus, gegen Diskriminierung und Ausgrenzung verbreitet – und vermarktet – sich schlecht mit einer Mannschaft aus der zweiten oder gar dritten Wahrnehmungsreihe

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Ein Gedicht: Düsseldorf

Oh feine Stadt am Schicksalsstrome
Ach wie dreht sich mir der Magen
Wenn ich seh in unsren Tagen
Von welcher Art baust Du Dir Dome

Die Wacht am Rhein ist lang vergangen
Flitter Tüll und Perlenglanz
Mode blinkt heut gar und ganz
Als edler Laufsteg willst Du prangen

Ein Felsen voller bunter Affen
Weitgeholter Wüstensand
Alter Hafen blüht im Tand
Viel Ding zum Schauen und zum Gaffen

Am noblen Ufer gegenüber
Kunstschnee eine Piste gibt
Skipokal am Rhein man liebt
Die Welt vergnügt sich sehr darüber

So sind auch Deine Sonnenkinder
Schminke, Gel und Lack im Haar
Finden sich ganz wunderbar
Erscheinen mir bei Nah wie …

Geschäftsmann Banker Advokaten
Und der Schönen Reichen Heer
Ihre Blicke gleich und leer
Wie sonst nur jene der Soldaten

Und ist der Carneval verklungen
Geht es gleich zum Schützenfest
Bist ein wahres frohes Nest
Das ganze Jahr wird hier gesungen

Sie feiern, völlen ,lachen, zechen
Kaviar und Sekt verlangen
Deine Theke hält gefangen
Der Erste wird schon bald erbrechen.

Düsseldorf

Und zum allerletzten Schluß eine Ode auf meine Geburtsstadt. Ob es auch meine Heimatstadt ist, weiß ich nicht; es fällt schwer, zu ihr in keinem ambivalenten Verhältnis zu stehen. Lobend zu erwähnen ist die Architektur, die selbst, was die Moderne betrifft, hier nicht wie die Axt im Walde gewütet hat und bisweilen sogar das Prädikat Ästhetik verdient. Gelungene Beispiele sind die Brücken und der Funkturm, der sich elegant nach oben verjüngt, um sich dann zur Kapsel übergangslos zu verbreitern. Demgegenüber hängt die Kapsel des Kölner Turms an ihm, als sei sie dort deplaciert.
Jedoch ist die ewige Heiterkeit, die sich in jeder Sekunde protzend dem Leben aufdrängt, unerträglich, getreues Abbild der Spaßgesellschaft, so abgedroschen dieser Ausdruck auch ist, er paßt auf die Hauptstadt Nordrhein-Westfalens. Wenn Nietzsche der Jugend zugerufen hat, es sei zu wenig Schicksal in ihren Augen, gilt das hier besonders. Aber womöglich trübt die Nähe die Wahrnehmung: wahrscheinlich steht Klein-Paris auch diesbezüglich pars pro toto für den westlichen Liberalismus!