Der 27. Januar

Fünf nach Neun. Felix war spät dran heute. Das konnte Ärger geben. Ausgerechnet am 27. Januar kam er zu spät zur Schule. Schon im vorigen Jahr hatte er sich einen Tadel eingefangen, als er im Religionsunterricht auf die Frage nach der eschatologischen Bedeutung dieses Tages vorlaut genug war, „Kaisers Geburtstag“ in die Klasse zu rufen. Der Skandal, der hiermit seinen Ausgang nahm, war ohne Beispiel in der 81jährigen Geschichte des Geschwister Scholl Gymnasiums, das einstmals Langemarckschule geheißen hatte. In Windeseile verbreitete sich die Nachricht von Felix ́ Freveltat, der sich über den Tag der Befreiung von Oswiciem, in der Sprache der Täter Auschwitz genannt, lustig gemacht hatte. Der Schulleiter reagierte umgehend und berief noch für den gleichen Tag die Schulkonferenz ein. Sie erteilte Felix eine schwere Mißbilligung, schloß ihn für die Zukunft von allen Klassenfahrten aus und verpflichtete ihn zu einer fünfzehnseitigen Ausarbeitung über die Benachteiligung weiblicher MigrantInnen beim Schulsport. Einem Schulverweis entging Felix nur durch die wohlwollende Fürsprache des Pfarrers. „Im Konfirmandenunterricht war der noch nicht so. Eigentlich war er ein anständiges Kind. Er muß in die falschen Kreise geraten sein. Als Christ bitte ich für ihn um Vergebung.“ Am Abend wurden die Eltern einbestellt. Der Direktor beschwor sie mit eindringlichen Worten, in Zukunft auf Felix ́ weltanschauliche Gefestigtheit mehr Obacht zu geben.

Damit hätte der Fall sein Bewenden haben können, wenn nicht die Zeitungen am nächsten Tag gemeldet hätten, an der Geschwister Scholl Schule würde der Holocaust geleugnet. Nun nahm er politische Dimensionen an. Der Bundestagsabgeordnete des Wahlkreises unterbrach die Sitzung des Haushaltsausschusses und reiste umgehend aus Berlin an. Gemeinsam mit dem Oberbürgermeister und dem Vertreter der jüdischen Gemeinde erkundigte er sich vor Ort über die Ausgestaltung der Vergangenheitsbewältigung. Nach einem mehrstündigen Gespräch mit

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April, April

„Hier ist das Erste Deutsche Fernsehen mit der Tagesschau. Guten Abend meine Damen und Herren.“ Wir befinden uns im Hause des Ehepaares S. Es war der erste April, ein Sonntag. Das war bedenklich, denn immer wenn der Monatserste ein Sonntag ist, gibt es einen Freitag, den Dreizehnten. Der Mann vor dem Fernseher spürte intuitiv, daß dieser sich heute ankündigen könnte; er war jedoch unsicher, ob er sich als Glückstag oder als Unglückstag präsentieren würde. Peter S. und seine Frau Monika kannten sich aus der Christlichen Jungschar. Sie hatten gemeinsam pubertiert, studiert, demonstriert und sich schließlich liiert. Das war lange her. Inzwischen waren sie seit etlichen Jahren verheiratet, wie viele Jahre es waren, wussten sie nicht mehr, hatten ein Reihenhaus mit Garten am Rande der Stadt Köln, das sie gemeinsam mit ihrer 13jährigen Tochter Sarah bewohnten. Das zweite Kind, der 19jährige Sohn Daniel ein Sorgenkind, lebte nicht mehr bei den Eltern. Der Sozialpädagoge Peter saß mit gekräuselter Stirn vor dem Fernseher. So saß er immer vor dem Fernseher, ja man kann sagen, daß die Sorgenfalten an seinem Kopf ein Dauerzustand waren. Die Haut, in die sie sich eingegraben hatten, war von einer graugelblichen Blässe, von der man sich nicht vorstellen konnte, daß sie je frisch ausgesehen hatte. Der Blick wirkte zerknirscht und betreten, fast böse, so wie man häufig gute Menschen an ihren bösen Gesichtern erkennt. Dieser Widerspruch besteht nur scheinbar. Denn die guten Menschen haben eine ausgeprägte Sensorik für das Böse in der Welt und davon gibt es reichlich: den Hunger in Afrika, die medizinische Unterversorgung in der Dritten Welt, die Ausbeutung in Südamerika, die Haltung der Legehennen, den Fluglärm, die Atomkraft, die soziale Ungerechtigkeit, die Fremdenfeindlichkeit, die Bundeswehr und die deutsche Geschichte. Das prägt Körper und Seele.

Die Nachrichten waren fast beendet, als Monika S, die Gattin von Peter das Haus betrat. „Hallöle Schatzi, wie geht es Dir Peterle?“ Monika war eine ergraute Anfangfünfzigerin, die die Wechseljahre abgeschlossen hatte. Sie kam von einer Fahrradtour, die sie gemeinsam mit den anderen Teilnehmerrinnen ihres wöchentlichen Aerobickurses gemacht hatte. Der Apriltag war frühsommerlich warm gewesen, so daß sie mit ihrem selbstgestrickten Pullover zu dick angezogen gewesen war. Sie konnte ihn nun erleichtert ablegen. „Hallo, Peterle“, wiederholte sie, „hascht schon gegessen?“ Wenn sie ins leichte Schwäbeln geriet, – Monika stammte aus Tübingen – war das ein Zeichen lockerer Entspanntheit. „Ja, Schatzi, ich komm gleich, laß mich gerade noch die Tagesschau zu Ende sehen.“ Soeben wurden die Ergebnisse der Fußballbundesliga bekannt gegeben. „Bayern München hat damit sieben Punkte

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Schwarze Kleidung – weiße Haut

Wir kennen es alle zur Genüge: den 20 jährigen Türken, der mit den quietschenden Reifen seines tiefergelegten 3er BMW in der zweiten Reihe parkt, Scheibe herunter- und Lautersprecher heraufgedreht, die Matronen, die sich, bis unter die Achseln verschleiert, durch unsere Städte schieben, den Albaner mit dem kreuzehrlichen Gesichtsausdruck, die außereuropäische Großfamilie, die beim ersten Sonnenstrahl mit ihren Horden in den Stadtpark einfällt, um dort auf dem stinkenden Grill ihr geschächtetes Fleisch zu garen. Wer verspürt angesichts dieser geballten Überfremdung nicht einmal den Wunsch einer Erholung, ja einer Kur in Sachen Volkstum? Die kann er am Pfingstwochenende in Leipzig finden. Dort versammeln sich jedes Jahr etwa 20000 sogenannte „Gothics“ zum Wave Gotik Treffen. Dieses etwas bizarr anmutende Festival der schwarzen Musik ist ein Kristallisationspunkt einer Subkultur, die bei näherer Betrachtung zahlreiche Elemente, die durchaus als Gegenkultur zum global amerikanisierten way of live angesehen werden können, enthält. Es bildet darüber hinaus die Gelegenheit, alte Freundschaften aufzufrischen und neue zu gründen.

Die Musik dieser Szene ist von einer schier unübersehbaren Bandbreite, angefangen von mittelalterlicher Instrumentalmusik bis zu hardcore- Elektronik. Die Melodien und selbst die härteren Rhythmen haben düstere, mystische Klänge, sind oft melancholisch beschattet. Über die Hälfte der Bands singt auf deutsch. Verschiedentlich hört man auch Lieder in lateinischer oder schwedischer Sprache, ein Teil ist englisch. Neben den üblichen Synthezisern und Elektronikinstrumenten werden alte Instrumente, wie Dudelsack, Querflöte und Geige eingesetzt. Sie spielen dann zu Punk und Metal auf. Die Mischung mittelalterlicher Melodien und moderner Klänge ergibt eine kaum zu beschreibende Symbiose, die eine gleichzeitig mitreißende und sehnende Stimmung erzeugt.

Die Texte handeln vielfach von tiefgründigen Themen, es werden Fragen vom Sinn und Unsinn des Lebens, von Bestand und Vergänglichkeit gestellt, der Existenz selbst nachgespürt, so etwa wenn die Gruppe subway to sally in dem Stück „Zu spät“ singt:

Nichts wiegt mehr viel in dieser Zeit der Narren und der Toren
nicht mehr als hätt ein müder Strauch ein Blatt verloren

die Blätter falln, wer heute schreit ist morgen schon gewesen
die Zeile, die mein Leben schreibt wird niemand lesen

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